P O L I T I K W E R K S T A T T
Abschied vom Frontalunterricht
Offensive für die Gemeinschaftsschule
"Die Zeit das Frontalunterrichts ist vorbei", bekräftigte Norbert Zeller engagiert und erinnerte nebenbei, das dreigliedrige Schulsystem passe zur Ständegesellschaft des 19. Jahrhundert, wo es auch entstanden sei, nicht in eine moderne Demokratie. Rund um die Themen Schule, Schulstandorte und Konzepte, hatte Christoph Bayer zu einem "Werkstattgespräch" mit Norbert Zeller, dem Leiter der Stabsstelle Schulentwicklung im Kultusministerium, in den Ratssaal nach Bad Krozingen geladen. Fast 50 Schulleiterinnen und Schulleiter, Bürgermeister und Vertreter der Schulverwaltung waren gekommen.

"Uns ist Ihre Erfahrung und Ihre Meinung zu unseren Schulentwicklungsplänen wichtig: Was erhoffen Sie, wo sind Sie skeptisch?" begrüßte Christoph Bayer die Anwesenden. Wir stünden am Anfang des Bildungsaufbruchs, so Bayer weiter, Eckpunkte seien im Kabinett beschlossen, die ersten Gemeinschaftsschulen sollen im nächsten Schuljahr an den Start gehen und nun komme es darauf an, an der Detailsicht zu arbeiten. Gemeinsam mit den Praktikern, den Bürgermeistern und den Eltern.
Wie ernst es dem Ministerium mit der Gemeinschaftsschule ist, betonte Zeller gleich zu Beginn seiner halbstündigen Präsentation: "Wir sehen die Schulentwicklung als Verfassungsauftrag. Es ist unsere Pflicht, jedem Kind und jedem Jugendlichen die gleiche Chance auf den bestmöglichen Abschluss zu ermöglichen." Das gelinge am besten mit Einführung der Gemeinschaftsschule: Unterricht orientierte sich bisher am durchschnittlichen Leistungsstand, wobei sowohl die schwächeren als auch die guten Schüler zu kurz kämen. Im neuen Konzept werden die tatsächlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen gefördert.
Wie das umsetzbar wäre, so Zeller weiter: In Sekundarstufe 1, also von der 5. bis zur 10. Klasse, wird auf der Grundlage der Bildungsstandards von Hauptschule, Realschule und Gymnasium unterrichtet. Übliche Klassenverbände werden durch Lerngruppen ersetzt, in denen, im Rahmen der Vorgaben durch den Lehrer, individualisiert gelernt wird. Die Gemeinschaftsschulen sind Ganztagsschulen, Versetzung oder Nichtversetzung im bisherigen Sinne gehören der Vergangenheit an. Die Gemeinschaftsschule ermöglicht gemeinsames Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern und Jugendlichen, gegebenenfalls durch den Einsatz von sonderpädagogischen Lehrkräften.
Die Gemeinschaftsschule sei gefragt, Norbert Zeller ist zuversichtlich. Bereits 200 Schulen haben ihr Interesse schon bekundet. Trotzdem werden zum Schuljahr 2012/13 nur etwa 30 an den Start gehen, Schulen, die sich bereits seit längerem auf den Weg gemacht hatten. "Qualität geht vor Geschwindigkeit", so Zeller. "Uns ist wichtig, dass die Gemeinschaftsschule erfolgreich wird. Ich bin sicher, dass bis zum Jahr 2020 die Mehrzahl der Schulen im Land Gemeinschaftsschulen sein werden."

(Foto: Michael Saurer)
Aber im Münstertal sei eine Gemeinschaftsschule nicht vorstellbar, äußerte sich Schulleiter Wolfgang Gass skeptisch. "Wir wären schon froh über eine Schule, an der Hauptschul- und Realschulabschluss möglich wären. Das würde den Schulstandort erhalten helfen." Wie Gass klopften auch viele der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Fragen, Anregungen und Anmerkungen das neue Schulkonzept auf Möglichkeiten und mögliche Schwierigkeiten ab: Bürgermeister interessierte, wie Schulträger bei offensichtlich nötigen baulichen Veränderungen unterstützt würden oder welche Standortvoraussetzungen eine Kommune für die Gemeinschaftsschule haben solle. Rektoren haben Bedenken angesichts der zunehmenden Heterogenität unter den Lehrkräften, auch hinsichtlich ihrer Bezahlung, und fragten, wo nun die Werkrealschule bliebe, für die man sich ja erst vor kurzem auf den Weg gemacht habe. Was passiert mit den Gymnasien, wie sieht es mit den Fächerverbünden aus, wie kann man in Schulaußenstellen eine sinnvolle Leitungsstruktur etablieren, Fragen von Einzügigkeit und Mehrzügigkeit und vieles mehr. Und Norbert Zeller stand Rede und Antwort, klar, wo bereits Entscheidungen gefallen sind, offen und ehrlich, wo noch Diskussionsbedarf besteht.
"So hatte ich mir das Werkstattgespräch vorgestellt", freute sich Christoph Bayer. "Eltern, Lehrer, Schulträger und Politik müssen miteinander in einen Dialog kommen. Nur so können wir von vielfältigen Erfahrungen und Ideen profitieren und den Bildungsaufbruch zum Erfolg führen. Und Erfolg heißt hier: Ein gute Schule, die Kinder und Jugendliche optimal fördert und in die sie gerne gehen - zumindest meistens."
Präsentation:
"Gemeinschaftsschule - Zukunft gestalten" von Norbert Zeller (pdf, ca. 300 kB).
Der Bildungsdialog geht weiter:
11.11.2011, 08.00 Uhr
Fachgespräch zum Fremdsprachenunterricht in der Michael Friedrich Wild Grundschule Müllheim
24.11.2011, 19.00 Uhr
Forum "Chancen der Schulentwicklung durch die neue Landesregierung" mit Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer in Bad Krozingen, Kurhaus
02.12.2011, 15.30 Uhr
Fachgespräch mit Staatssekretär Dr. Frank Mentrup zu Themen rund um die Frühkindliche Bildung in Bad Krozingen
Integrationspolitik
Das Antidiskriminierungsgesetz ist in den Köpfen noch nicht angekommen
Auf Einladung von Ellen Brinkmann und Christoph Bayer (MdL) war Bilkay Öney, Ministerin für Integration in Baden-Württemberg, auf Besuchstour im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Dabei machte sie deutlich, dass Integration schon im bewussten Umgang mit der eigenen Sprache beginnt. Nur wer hier aufmerksam zu Werke geht, schafft Gemeinschaft statt nur Gesellschaft.
Bildungspolitik
Musik und Bewegung stärken Sprachfähigkeit und kindliche Persönlichkeit
Die neue Landesregierung wird das wertvolle musikpädagogische Förderprogramm "Singen - Bewegen - Sprechen (SBS)" im Rahmen des Ausbaus intensiver Sprachförderung nachhaltig verankern und damit vom ersten Kindergartenjahr an überall umsetzbar machen. Eine Fortsetzung in der Grundschule soll es mit Landesmitteln aber nicht geben.
Sozialpolitik
Erwerbslose brauchen unabhängige Beratung
"Qualifiziert, vertraulich und parteilich" sollte die Beratung für Arbeitslose sein. In Freiburg gibt es eine unabhängige Erwerbslosenberatung mit Bedeutung weit über die Stadt hinaus. "Wir haben den gleichen Einzugsbereich wie ein bekanntes schwedisches Möbelhaus", so Josef Kaiser, Leiter der Einrichtung. Christoph Bayer fragt nach.
Bildungspolitik
Querdenken erwünscht
Im voll besetzten Kursaal von Bad Krozingen erläuterte Baden-Württembergs Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer die Grundlinien des Bildungsaufbruchs und stellte sich den Fragen der Lehrerinnen und Lehrer, Kommunalpolitiker und Eltern. Was Bildungsaufbruch auch mit einem 23 Jahre alten Schulbuch zu tun haben kann, zeigte der jüngste Diskussionsteilnehmer. Ihn finden Sie übrigens in unserer Fotogalerie.
Wirtschaftspolitik
Werden langzeitarbeitslose Menschen einfach vergessen?
Christoph Bayer informiert sich bei Bärbel Höltzen-Schoh, Geschäftsführerin der Arbeitsagenturen, über die aktuelle Situation am regionalen Arbeitsmarkt und über die Verschlechterung der Situation der Langzeitarbeitslosen durch das "Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt"
Energiepolitik
Neue Agendagruppe aktiv für Erneuerbare Energien
Aus einer Wahlveranstaltung Christoph Bayers zur Landtagswahl ist die Agendagruppe "Erneuerbare Energien Ehrenkirchen", entstanden, noch lange vor der Atomkatastrophe in Fukushima, wie die Gründungsmitglieder betonen.
Bildungspolitik
Offene Bürgerschule als Motor für die Gemeindeentwicklung
In Mönchweiler wird schon umgesetzt, was andernorts noch Zukunftsmusik ist: Eine Ganztagsschule, die Kinder optimal fördert und die das ganze Dorf mit einbezieht.
Umweltpolitik
Diskussion um Hochwasserschutz bald in ruhigerem Fahrwasser?
Auf eine Entkrampfung der Situation hofft Christoph Bayer nach einem Ortstermin in Hartheim, bei dem sich der Umweltminister Franz Untersteller über die Maßnahmen zur Weiterführung des Integrierten Rheinprogramms informierte.
Verkehrspolitik
Baden21 - eine Zwischenbilanz
Die SPD-Landtagsfraktion hatte Vertreterinnen von Bürgerinitiativen, Kommunen und die Bahn nach Bad Krozingen eingeladen, um den Stand des Projektes "Ausbau Rheintalbahn" aus erster Hand zu erfahren.
Moderator des Dialogs mit naturgemäß unterschiedlichen Positionen und Interessen: Christoph Bayer.


