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Bildung und Schulentwicklung

Offene Bürgerschule als Motor für die Gemeindeentwicklung

Für 25 Kinder in Mönchweiler hat Mitte September der Ernst des Lebens begonnen. Dass ihre Schule eine besondere Schule ist, ist ihnen sicher nicht bewusst. Vielleicht macht ihnen der "Ernst des Lebens" mehr Spaß, als sie dies erwartet hatten. Vielleicht ist es angenehmer und auch interessanter, zusammen mit den Zweitklässlern in kleinen Gruppen Rechnen und Schreiben zu lernen, an Lernbausteinen im Rahmen der individuellen Wochenpläne zu arbeiten, an der Schule auch zu spielen und jeden Tag gemeinsam mit der Lehrerin zu Mittag essen was ältere Schüler gekocht haben. Aber nicht die gemischte Eingangsstufe und das individualisierte Lernen, die Ganztagsschule und die Schulprojekte, wie die Erwachsenen das nennen, sind allein das Besondere: besonders ist, dass die Grund- und Hauptschule Mönchweiler auf dem Weg zur "Offenen Bürgerschule" ist. "Bis 2013 sind wir soweit. Wir haben schon ein großes Stück dahin geschafft", versichert Johannes Todt, der Rektor, und er ist ein wenig stolz darauf.

Offene Bürgerschule - schon wieder ein neuer Schultyp? Nein, eher eine neue Einstellung zur Schule, zur Bildung und zum Lernen der Kinder. "Lernen und Leben zusammenbringen" ist das Motto des Modellprojektes und Martin Weingardt, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die das Projekt begleitet, erläutert, was damit gemeint ist: "Das pädagogisch Wesentliche lebt nicht aus Ordnungen und Vorgaben, sondern aus Situationen und Begegnungen und den daran anschließenden Auseinandersetzungen." Die Offene Bürgerschule steht für ein schulisches Lernen, das mit dem Leben und den Bildungsmöglichkeiten im Gemeinwesen grundlegend verwoben ist. Lernprozesse werden dadurch für die Schüler lebensnah, sinnvoll und nachhaltig. Die Schule sieht sich als zentrale Plattform in einem vielfältigen Netzwerk von lokalen Bildungsorten und Lerngelegenheiten.
Lokale Bildungsorte nutzen heißt beispielsweise, dass der Werkunterricht der Hauptschule für ein Vierteljahr im Metallbereich der Lehrwerkstatt der Firma Weißer + Grieshaber stattfindet. Die Azubis aus dem zweiten Lehrjahr haben sich auf das Unterrichten vorbereitet und leiten die Schüler an. Disziplinprobleme sind nicht zu erwarten.

Verwoben sein mit dem Gemeinwesen kann so aussehen: jeden Donnerstag fährt der Schulhausmeister mit dem Mannschaftstransportwagen der kommunalen Feuerwehr sieben Hauptschüler die 15 Kilometer in die Nachsorgeklinik für chronisch kranke Kinder nach Tannheim. Bis sie um 16 Uhr wieder abgeholt werden helfen die Hauptschüler bei der Reittherapie oder im Pferdestall. Die Praktikumsplätze sind begehrt, obwohl zu den Pflichten auch alle drei Wochen ein Sonntagsdienst gehört.
Neben den schulexternen Bildungsorten und -partnern und dem individualisierten Lernen gehört zum Konzept der Offenen Bürgerschule, dass 20% der Lehrerarbeitszeit für Gespräche mit Schülern, Verständigung mit Kollegen, Eltern und den Bildungspartnern fest eingeplant wird. "Wir übergeben beispielsweise nicht einfach die Schulzeugnisse jedes halbe Jahr, sondern führen mit allen Eltern Gespräche, die zu verbindlichen Zielvereinbarungen führen", erklärt Rektor Todt.

"Entweder wir schaffen es, die Hauptschule so zu verändern, dass sie attraktiv wird, oder wir haben bald keine mehr", war Friedrich Scheerer, seit zehn Jahren Bürgermeister des 3100-Einwohner-Dorfes sechs Kilometer vor Villingen, klar. Da er das dreigliedrige Schulsystem zudem schon längst für überholt hielt, war bei ihm keine Überzeugungsarbeit nötig, als Johannes Todt im Dezember letzten Jahres vorschlug, dass Gemeinde und Schule dem landesweiten Netzwerkprojekt Offene Bürgerschulen beitreten sollten. Die 30.000 Euro, die für die wissenschaftliche Begleitung jährlich fällig werden, bewilligte der Gemeinderat. Die Notwendigkeit der Schulentwicklung ist im Dorf unumstritten. Dass sich nicht nur die Schule entwickelt sondern auch in der Gemeinde Entwicklungspotenziale gefördert werden, ist Bürgermeister und Gemeinderat wichtig. "Das bürgerschaftliche Engagement ist fest verankert in unserem Dorf, aber es gibt noch weiteres Potenzial", versichert Bürgermeister Scheerer.
Und letztlich bietet die Schulentwicklung ein kommunikatives Lernfeld für alle: "Wie gehen wir miteinander um - wie gehen wir aufeinander zu?" sind die Leitfragen dieses "Unterrichts" für das ganze Dorf.

"Die Gemeinde Mönchweiler hat für mich Vorbildcharakter", meint Christoph Bayer und ist beeindruckt, weil Schule und Gemeinde mit der Schulentwicklung nicht gewartet haben, bis sie die "Erlaubnis" von oben bekamen. Sie haben sich schon längst auf den Weg gemacht. Engagement und Einstellung, wie sie an der Mönchweiler Schule zu finden sind, sind für Bayer essentiell für jegliche Schulentwicklung, ganz gleich in welcher Schulform oder -struktur gearbeitet wird. Zudem bringen sich Schulentwicklung und Gemeindeentwicklung gegenseitig voran. "Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf", erinnert Bayer schmunzelnd an das bekannte afrikanische Sprichwort. In die Sprache des Netzwerkprojekts Offene Bürgerschulen übersetzt heißt das: "Die Bildung eines Kindes ist Ergebnis und Verantwortung aller, in deren Mitte es lebt."

"Wenn ich mir etwas wünschen dürfte aus dem derzeit diskutierten Katalog der Schulentwicklungen, dann wäre das für Mönchweiler die Gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse", offenbart Rektor Todt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Johannes Todt fühlt sich von der Freiburger Schulbehörde gut unterstützt. Aber egal welche Entscheidung "oben" getroffen wird, solange es die Schule in Mönchweiler gibt, werden Gemeinde und Schule, Lehrer, Schüler, Eltern und bürgerschaftlich Engagierte an der Verwirklichung der Offenen Bürgerschule weiter arbeiten. Darin sind sich alle einig.

 

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